“Tierwohllabel muss in nationale Nutztierstrategie eingebettet sein”

QS-Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff

QS-Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff

Interview mit QS-Geschäftsführer Hermann-Josef Nienhoff

Der Geschäftsführer der QS Qualität und Sicherheit GmbH, Dr. Hermann-Josef Nienhoff, äußerte sich in einem Interview mit der AGRAR-EUROPE (Ausgabe 24/2017) über die Zusammenarbeit mit dem Bundesland-wirtschaftsministerium beim geplanten staatlichen Tierwohllabel, realistische Annahmen für dessen Markterfolg und eine mögliche Überführung der Initiative Tierwohl in ein Label. 

AGRA-EUROPE: Die Branche geht zunehmend auf Distanz zum geplanten staatlichen Tierwohllabel. Warum diese Verweigerungshaltung?

Dr. Hermann-Josef Nienhoff: Es gibt nach meinem Eindruck keine Verweigerungshaltung. Ich halte den Ansatz auch im Grundsatz für richtig, mit Hilfe des Labels eine höhere Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für Produkte, die unter besonderen Tierwohlanforderungen erzeugt wurden, abzuschöpfen. Voraussetzung ist aber, dass die Annahmen realistisch sind und die Märkte nicht gestört werden.

AGRA-EUROPE: Sind die Annahmen, die dem Label des Bundeslandwirtschaftsministeriums zugrunde liegen, hinreichend realistisch?

Nienhoff: Nein. Laut einer Studie des Eurobarometers von 2016 sind in Deutschland zwar 75 % der Verbraucher bereit, für Produkte aus tierfreundlichen Produktionssystemen mehr zu zahlen. Aber die meisten akzeptieren nur einen Aufschlag von 5 oder maximal 10 %.  Hingegen würden nur 5 % der Konsumenten 20 %  oder mehr für Tierwohl-Produkte zahlen. Der jetzige Label-Vorschlag würde einen noch höheren bedeuten.

AGRA-EUROPE: Wissenschaftliche Studien kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Warum halten Sie die für weniger glaubwürdig?

Nienhoff: Diese Studien widersprechen nach meiner Einschätzung nicht nur den Ergebnissen des Eurobarometers, sondern auch den Erfahrungen, die der Lebensmitteleinzelhandel in diesem Bereich gemacht hat. Bedenken Sie die geringe Marktakzeptanz, die der Deutsche Tierschutzbund mit seinem Tierwohllabel erreicht. Ich kann nur an die Politik appellieren, die realen Marktverhältnisse zugrunde zu legen und sich nicht von Wunschdenken leiten zu lassen.

AGRA-EUROPE: Das Bundeslandwirtschaftsministerium setzt Mehrkosten für die Erzeuger bei Einstiegsstufe des Labels mit 20 % vergleichsweise niedrig an. Trotzdem sehen Sie keine Chance für die entsprechenden Produkte im Markt?

Nienhoff: Aus meiner Sicht sind Aufschläge von 20 % für die Einstiegsstufe und sogar von bis zu 40 % für die Premiumstufe – bezogen auf den Erzeugerpreis –  nicht am Markt zu realisieren. Man muss bedenken, dass zu den Kosten für die Landwirte noch zusätzliche Kosten in der Logistik  der Vermarktungskette kommen. Außerdem ist für jeden Marktkenner klar, dass nur etwa 25 % des Schlachtkörpers als Frischfleisch im LEH vermarktet werden können. Damit bewegt sich der Mehrpreis für Frischfleisch an der Ladentheke bereits in der Einstiegsstufe in einer Größenordnung von 30 %.

AGRA-EUROPE: Die Beteiligten der Wertschöpfungskette waren in die Arbeit am Tierwohllabel einbezogen. Machen Sie sich jetzt einen schlanken Fuß, nachdem es ungemütlich geworden ist?

Nienhoff: Nein. Es ist richtig, dass auch Vertreter der Wirtschaft vom Bundeslandwirtschaftsministerium zu Treffen eingeladen wurden.  Das waren jedoch eher Vortragsveranstaltungen als ernsthafte Auseinandersetzungen mit den Beteiligten. Ein wirkliches Bemühen um einen gemeinsamen Weg hat es nicht gegeben. Damit wurde eine Chance vertan.

AGRA-EUROPE: Waren die „Stakeholder“ an der Erarbeitung der Kriterien für das Label beteiligt, die Minister Schmidt Ende April vorgestellt hat?  

Nienhoff: Die Kriterienüberlegungen, die im Wesentlichen vom von Thünen-Institut erarbeitet wurden, hat das Bundesministerium im Vorfeld den Vertretern von Wirtschaft und dem Tierschutz vorgestellt. Das diente aber offenbar mehr dem Meinungsaustausch als der Konsensfindung. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass nicht willkommene Antworten und Kommentare ignoriert wurden. Über die letztlich der Öffentlichkeit vorgestellten Kriterien sind wir im Nachhinein informiert worden.

AGRA-EUROPE: Was ist denn zu tun, um ein aus Ihrer Sicht sinnvolles staatliches Tierwohllabel noch zum Erfolg zu führen?

Nienhoff: Ein solches Label muss eingebettet sein in eine Gesamtstrategie. Deswegen ist eine nationale Nutztierstrategie, die von der Gesellschaft und Wirtschaft mitgetragen werden kann unabdingbar. Wir brauchen Klarheit, wohin wir die Tierhaltung in Deutschland in den kommenden zehn bis 20 Jahren entwickeln wollen. Dies ist notwendig, um die gesellschaftlichen Wunschvorstellungen und die gute fachliche Praxis in der Tierhaltung wieder näher zusammen zu führen. Ein Label kann ein wichtiges Element sein, wenn wir uns über die Grundausrichtung klar geworden sind. Denken Sie nur daran, dass bestimmte Anforderungen beim Label Änderungen im Bau- oder im Umweltrecht erfordern. Das scheint mir bislang nicht hinreichend bedacht worden zu sein.

AGRA-EUROPE: Das klingt so, als habe man das Pferd von hinten aufgezäumt.

Nienhoff: Ja, ein stückweit ist das sicher so.

AGRA-EUROPE: QS ist maßgeblich an der Umsetzung der Initiative Tierwohl beteiligt. Da beide Ansätze ohnehin miteinander verzahnt werden sollen, könnten Sie zusätzlich für die Tierwohllabel verantwortlich zeichnen.

Nienhoff: Für mich steht zunächst außer Frage, dass die Initiative Tierwohl überaus erfolgreich ist. Wir haben damit einen Prozess angeschoben, in dem sich sehr viele Landwirte sehr intensiv mit der Frage beschäftigen, wie sie ihren Betrieb für die Zukunft aufstellen. Das ist eine entscheidende Voraussetzung, wenn wir möglichst viele Landwirte mitnehmen wollen bei den angestrebten Änderungen in der Tierhaltung.

AGRA-EUROPE: Der Labelansatz geht in dieselbe Richtung. Eignet sich das Fondsmodell zur Kompensation der Landwirte auch für das Label?

Nienhoff: Das Fondsmodell der Tierwohl-Initiative bietet den Erzeugern gesichert für drei Jahre die Zusage, dass sie den festgelegten Erstattungssatz für einzelne Kriterien auch bekommen. Er dient als Anschubfinanzierung, um die Tierhaltung in die gewünschte Richtung zu lenken und dabei möglichst viele mitzunehmen. Für ein staatliches Label ist eine solche Fondslösung jedoch allenfalls vorübergehend denkbar. Am Ende des Tages muss ein solches Label vom Markt getragen werden und der Mehraufwand vom Verbraucher an der Ladentheke bezahlt werden.

AGRA-EUROPE: Warum?

Nienhoff: Beim Label geht es darum, über den Markt mehr Wertschöpfung zu schaffen. Dann muss das Geld unweigerlich vom Markt kommen. Ein Ministerium kann ein Label entwerfen, Kriterien festlegen und die Kontrolle organisieren. Aber für den Erfolg ist allein der Markt zuständig. Deswegen ist man gut beraten, sich eingehend Gedanken über die Erfolgsaussichten zu machen, die ein Label in dieser oder jener Ausgestaltung am Markt hat.

AGRA-EUROPE: Halten Sie es für denkbar, dass beide Systeme –  Initiative Tierwohl und Label – nebeneinander existieren?

Nienhoff: Nein. Alle Diskussionen, die ich führe, gerade auch mit dem Lebensmitteleinzelhandel, zeigen, dass eine Parallelität nicht machbar ist, auch wenn es dazu abweichende Auffassungen gibt. Der Einzelhandel wird meiner Einschätzung nach kaum bereit sein, den dafür notwendigen Platz in den Regalen frei zu machen, sondern sich für einen der Ansätze entscheiden. Keiner wird verschiedene Wege für mehr Tierwohl parallel fahren.

AGRA-EUROPE: Wie kann eine Überführung vom einen in den anderen Ansatz erfolgen?

Nienhoff: Darauf habe ich noch keine abschließende Antwort, aber es lohnt sich den Weg auszuloten. Wir müssen zunächst alles daran setzen, das Programm für die Initiative Tierwohl in den Jahren 2018 bis 2020, für die wir die Finanzzusage des Handels haben, vorzubereiten. Dazu müssen die Details jetzt in Gang gesetzt  werden, damit eine reibungsfreie Überleitung vom jetzigen in das nächste Programm erfolgen kann. Ich bin im Übrigen sicher, dass es diesmal keine Warteliste geben wird. Vielmehr werden die, die sich melden, auch zum Zuge kommen. Das deutlich höhere Budget schafft die Voraussetzung, dass wir in den kommenden drei Jahren die doppelte Zahl an Betrieben berücksichtigen können.

AGRA-EUROPE: Sie wiesen zuvor auf die notwendige Planungssicherheit hin. Wie soll es nach 2020 weitergehen?

Nienhoff: Darüber müssen wir in den nächsten Monaten intensiv diskutieren. Die Initiative Tierwohl ist mit dem jetzigen Finanzierungsmodell leistungsfähig aufgestellt. Aber dieses Finanzierungsmodell über Budgets im Lebensmitteleinzelhandel ist endlich. Es war als Anschubfinanzierung gedacht und wird für eine weitere dritte Vertragsperiode so nicht umzusetzen sein.

AGRA-EUROPE: Was schlagen Sie vor?

Nienhoff: Wenn wir weiterhin einen Ansatz mit dieser Breitenwirkung realisieren wollen, brauchen wir einen angepassten Zahlungsmodus, in dem die Abwicklung über den Flaschenhals, zum Beispiel  Schlachtbetrieb, erfolgen kann. Neben dem finanziellen Ausgleich benötigen wir auch in Zukunft die Bereitschaft der Landwirte zur Teilnahme. Voraussetzung dafür sind neben der Kompensation machbare Kriterien. Ein mögliches Kombinationsmodell zwischen Initiative Tierwohl und Label muss all diese Aspekte berücksichtigen und tatsächlich eine schrittweise Überführung ermöglichen. Einfach den Schalter umlegen und sagen, jetzt machen wir was Neues, wird nicht funktionieren.

AGRA-EUROPE: Wann muss beim Tierwohl-Fleisch die Kennzeichnung an der Ladentheke kommen?

Nienhoff: Das werden wir in den nächsten Jahren angehen müssen. Es geht darum, künftig auch bei Schwein in die Nämlichkeit zu kommen, ähnlich wie wir es bei Geflügel für bestimmte Produktgruppen bereits für die kommende Periode erreichen. Bei Schwein wird das schwieriger, ist aber trotzdem zu schaffen. Das gibt uns dann auch in der Kommunikation neue Möglichkeiten. An diesem Punkt kann ein Hinübergleiten in ein Label mit Nämlichkeit und Identität der Ware erfolgen.

AGRA-EUROPE: Wann wäre so sein Zeitpunkt realistisch?

Nienhoff: Ich gehe davon aus, das dauert noch fünf Jahre.

AGRA-EUROPE: Der Deutsche Tierschutzbund ist sowohl bei der Tierwohlinitiative als auch beim Label ausgestiegen. Muss der wieder ins Boot?

Nienhoff: Das wäre wünschenswert, aber nicht zwingend. Die Zusammenarbeit ist aufgrund der gegensätzlichen Interessenlagen grundsätzlich schwierig. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Entscheiden wird der Markt, ob mit oder ohne Tierschutzverbänden.

AGRA-EUROPE: Was erwarten Sie von der Landwirtschaft?

Nienhoff: Einen offenen Verständigungsprozess mit dem Ziel eine einheitliche Linie im Berufsstand zu erreichen, wohin es mit der Tierhaltung hingehen soll. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Veränderungen aktiv anzugehen.

AGRA-EUROPE: Wie kann QS behilflich sein?

Nienhoff: QS kann die entscheidende Klammer bilden. Nirgendwo sonst haben wir die gesamte Wirtschaftskette – den Handel, die Landwirtschaft, die Fleischwirtschaft und die Futtermittelwirtschaft –  an einem Tisch zusammen. Auf diese Weise haben alle gemeinsam in QS ganz viel erreicht. Das lässt mich hoffen, dass wir noch mehr schaffen können, wenn alle an einem Strang ziehen. Mit wirtschaftseigenen Standards lässt sich erfolgreicher fahren als mit Dirigismus.

AGRA-EUROPE: Das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration kommt Anfang 2019. Ist das überall angekommen?

Nienhoff: Im  Prinzip ja, aber die alternativen Wege sind offen. Es bleibt noch einiges zu tun.

AGRA-EUROPE: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat sich unlängst für die Lokalanästhesie als vierten Weg ausgesprochen. Begrüßen Sie das?

Nienhoff: Sehr, auch wenn ich mir diese Aussage schon wesentlich früher gewünscht hätte. Offenbar musste sein Haus jedoch erst überzeugt werden. Umso wichtiger ist, dass sowohl von Seiten des Ministeriums als auch von den Verantwortlichen in der Wirtschaft jetzt alles daran gesetzt wird, dass dieser vierte Weg auch tiergerecht und praxisgerecht umgesetzt werden kann.

AGRA-EUROPE: Was heißt das?

Nienhoff: Es müssen umgehend die Voraussetzungen geschaffen werden, dass die in Frage kommenden Betäubungsmittel die entsprechende Zulassung bekommen. Da sind noch einige Vorarbeiten zu leisten, z. B. von der Pharmaindustrie. Die müssen jetzt dringend angegangen werden. Das gilt im Übrigen auch für die Jungebermast oder die Immunokastration. Für die Wirtschaftspartner und QS wäre eine eindeutige Positivliste aller zugelassenen Verfahren hilfreich.

AGRA-EUROPE: Wird QS zum 1. Januar 2019 die gesetzliche Anforderung erfüllen?

Nienhoff: Ja. Und zwar nicht nur für deutsche Tierhalter, sondern für alle, die ins QS-System liefern. An Ferkel,  Schlachtschweine und auch Schweinefleisch  aus den Nachbarländern werden die gleichen Anforderungen gestellt wie an hiesige Erzeugnisse. Die erforderlichen Beschlüsse sind gefasst und über die notwendigen Vereinbarungen sind wir mit den anerkannten Standards in Verhandlung.

AGRA-EUROPE: Welchen Marktanteil wird die Lokalanästhesie nach Ihrer Einschätzung erreichen?

Nienhoff: Da wird sich ganz viel in die Richtung „vierter Weg“ bewegen. Die lokale Betäubung ist die praktikabelste Variante. Es muss allerdings erreicht werden, dass die Tierhalter die Betäubung vornehmen können.

AGRA-EUROPE: Sie halten die Bedenken von Tierschützer für unbegründet?

Nienhoff: Die Bedenken basieren zum Teil auf alten zehn bis 15 Jahre alten Studien. Die Forschung ist heute weiter. Entscheidend ist die Frage der richtigen Anwendung. In QS werden wir uns daher auch Gedanken über eine Schulung von Landwirten machen, die die Betäubung selbst vornehmen wollen.

AGRA-EUROPE: Wie wird sich das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration auf die weitere Strukturentwicklung in der Sauenhaltung auswirken?

Nienhoff: Wenn wir den vierten Weg rechtzeitig und zuverlässig erreichen können, werden die Auswirkungen überschaubar sein. Wenn nicht, werden wir ganz erhebliche Strukturbrüche bekommen. Dies gilt vor allem für Süddeutschland, teilweise auch für den Norden.

AGRA-EUROPE: Was erwarten Sie vom Lebensmitteleinzelhandel?

Nienhoff: Ein eindeutiges Bekenntnis, dass alle vier Verfahren als gleichwertig anerkannt werden. Andernfalls bekommen wir gespaltene Märkte, mit Auswirkungen für die gesamte Kette, die schwer vorhersehbar sind.

AGRA-EUROPE: QS wird 16 Jahre alt. Zeit für eine Zwischenbilanz…

 Nienhoff: Wir haben in Sachen Qualitätssicherung viel Gutes für den Markt getan. Ich räume ein, wir sind nicht überall beliebt, weil wir hohe  Anforderungen stellen, weil wir auch auditieren und kontrollieren. Aber das gehört nun mal dazu. Viele andere in Europa orientieren sich an uns.

AGRA-EUROPE:  Vielen Dank.

Quelle: AGRAR-EUROPE (24/2017)

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